Polo Bunt

So ein buntes Auto haben die Lackwerker in der Schweinfurter Porschestraße noch nie vorher aus der Nähe gesehen. Zugegeben, die Farben – das Ginstergelb auf der Motorhaube, die Türen in Flashrot, die Kotflügel in Pistaziengrün und das Dach in auffälligem Chagallblau – waren allesamt verblasst. Der VW Polo als Sondermodell Harlekin war Baujahr 1996 und hatte fast schon 200.000 km auf dem Buckel.

Aber vom Tag seiner Erstzulassung an hat er klaglos in der Familie seinen Dienst getan. Er hat die Kinder erst in den Kindergarten, später dann in die Schule chauffiert. In den folgenden Jahren sind die Kinder selbst damit herumkutschiert.

Alles das hat der brave Harlekin, ohne Stress zu machen, überstanden. Jetzt sollte er eigentlich ausrangiert werden. Dem heutigen Besitzer, er gehörte damals zu den ersten Passagieren für die Fahrten in den Kindergarten, tat das Autolein leid. Er hat den Entschluss gefasst, den Polo zu erhalten, damit auch die nächste Generation in den Kindergarten und die Schule gefahren werden können.

In die Renovierung der Innenausstattung hat er schon viel Zeit und Geld investiert, jetzt müssen die Lackwerker ran. Sie sind damit beauftragt, die alte Farbenpracht wieder herzustellen. Der Harlekin ist eine echte Rarität. Nicht einmal im VW-eigenen Automuseum in Wolfsburg steht ein Exemplar.

Ursprünglich sollte das Auto eigentlich nur als Fotomodell zur Einführungskampagne für den neuen Polo vor der Kamera stehen. Damit sollte den Lesern von Printmedien demonstriert werden, dass man den neuen Polo in allen möglichen Farben ab Werk bestellen kann.

Diese Anzeigenserie war sehr erfolgreich. Keiner rechnete damit, dass viele Leute das Fahrzeug genauso haben wollten. Der Wunsch der Käufer war den Wolfsburgern damals noch Befehl. Zwar war das dann fertigungstechnisch eine echte Herausforderung, aber fast 4000 Exemplare konnten an die Kunden geliefert werden.

Der Hype um den Harlekin ging sogar soweit, dass für Amerika ein Golf als Harlekin aufgelegt werden musste.

Für einen großen Automobilhersteller wie VW sind solche Kleinserien eigentlich kein Thema. Die Produktion war sehr umständlich. Die fertig lackierten Rohkarossen, in den vier Farben Gelb, Grün, Rot und Blau, wurden per Hand in ihre Einzelteile zerlegt. Dann hat man die Teile untereinander ausgetauscht und wieder mühsam per Handarbeit zusammengeschraubt. Anfang 1997 beendet VW diese unwirtschaftliche Produktion und verkündete das Ende des bunten Polos.

Für die Lackwerker war das Zerlegen der Karosse eine nicht alltägliche Herausforderung. Aber das Zerlegen des Harlekins hat ebenso viel Spaß gemacht, wie das anschließende Zusammenbauen nach der Lackierung. Die Originalfarben anzumischen war Dank der Datenbank für Farben kein Problem.

Die Lackwerker hatten für den Besitzer sogar noch einen Tipp, wo er das mohnblaue original Lederlenkrad herbekommen könnte. Die auf die Karosseriefarben abgestimmten Sitzbezüge hat er sich schon organisiert.

Der Besitzer hat seinen Harlekin jedenfalls sehr begeistert wieder abgeholt, obwohl einige seiner Arbeitskollegen gelästert haben: „Mit so einem Kasper-Auto würde ich nicht rumfahren wollen.”

Der Azubi bei den Lackwerkern hatte da eine andere Meinung dazu. Ihn hat der Harlekin echt begeistert: „So ein Riesenpuzzle könnt ich jeden Tag machen, einen Polo in seine Einzelteile zerlegen und wieder zusammenzubauen.”

Kaum ein Kleinwagen ruft derart gegenteilige Reaktionen hervor.

Foto: peterolthof (flickr)