Knutschkugel

„Was ist das denn?” Der Azubi von den Lackwerkern in der Porschestraße hat den Mund in diesem Fall überhaupt nicht mehr zugebracht. Vor der Tür stand eine Isetta. Das kleine BMW-Emblem auf der runden Vorderhaube, die sich im Nachhinein als Tür herausstellte, war nicht zu übersehen.

Eine Türe, ein Lenkrad, eine Sitzbank und fertig war das ganze Auto. Das gute Stück von unserem Kunden, der übrigens eine neue Lackierung in den originalen Farben Beige und Rot wollte, wurde im Februar 1961 das erste Mal zugelassen. Den ursprünglichen 245 ccm Motor hat man irgendwann später gegen den 300er ausgetauscht.

Vor über 50 Jahren hat man die BMW Isetta zu allererst verspottet. Später wurde dann ein echter Bestseller daraus. Ohne die Isetta würde es vielleicht BMW heute gar nicht mehr geben. Eigentlich war BMW damals finanziell am Ende und mit der Isetta kam ein Automobil auf den Markt, das endlich für die Masse erschwinglich war und damit in größeren Stückzahlen zu einem Geschäft wurde.

Die kleine Knutschkugel (den Spitznamen hatte das Autolein schnell weg) hat nur 2.550 Mark gekostet. Das war zwar zu dieser Zeit das halbe Jahresgehalt eines durchschnittlichen Arbeiters, trotzdem haben viele Leute auf dieses liebenswerte Mobil gespart und sich den Traum von einem eigenen Automobil mit einer Isetta zum ersten Mal erfüllt.

Entgegen aller Unkenrufe hat gerade der einzigartige Einstieg begeistert. Über ganz viel Ärger hatten die Besitzer aber damals trotzdem zu berichten.

Immer wieder einmal wurde die Knutschkugel so eingeparkt, dass das Öffnen der Fronttür nicht möglich war. Oder das Wagenleergewicht von nur 370 kg reizte viele, das Fahrzeug mal eben auf ein Podest zu heben. Der Besitzer konnte es nur mit fremder Hilfe wieder herunter bekommen. In der Nacht nach einem Konzertbesuch oder einem feinen Abendessen mit der Freundin, war es dann schon schwierig ausreichend Helfer zu finden, die die 370 kg wieder auf die Straße setzten.

Bis auf den Lack ist die Isetta bei den Lackwerkern fast makellos angekommen. Der rot-beige Originallack aber brauchte dringend eine Auffrischung. Den Chromapplikationen sollte bei dieser Gelegenheit auch eine schöne Politur verpasst werden.

Mit dem Fahrzeugbesitzer wurden die Lackwerker schnell einig. Über die Farbe gab es keine Diskussionen. Die Daten für das originale Rot-Beige sind bekannt und die Farbanmischung ist für die Lackwerker ohnehin kein Problem.

Die Gummidichtungen will der Liebhaber selbst aufarbeiten. Der Zustand des Innenraums ist ohnehin ein Highlight. Die Sitzbank, die Rundumverkleidung, alles ist in einem sehr gepflegten Zustand. Es sind keinerlei Risse zu erkennen.

Das fertige Fahrzeug hat jetzt einen schönen neuen Glanz. Liebhaberherzen schlagen sofort einen Takt höher. Die Chromapplikationen sind frisch aufpoliert, die ganze Knutschkugel strahlt richtig in der Sonne.

Bevor der Besitzer mit seiner Isetta vom Hof tuckerte, hat er den Lackwerkern noch erzählt, dass er mit dem Gedanken spielt, sich noch eine nigelnagelneue Isetta zuzulegen, diesmal aber mit Elektromotor.

Wie bitte? Micro Mobility Systems wird die Knutschkugel in neuem modernen Gewand neu auflegen. Microlino soll das Ding heißen und der Ausstieg ist wie bei der originalen Isetta vorne. Wie bei der Isetta taugt der Microlino mit 2,4 Meter Länge perfekt zum Querparken. Der Ausstieg kann dann bequemerweise direkt auf dem Bürgersteig erfolgen.

Der Microlino soll als praktisches Stadtauto ohne große Ansprüche an die Energieversorgung daherkommen. So braucht er zum Aufladen keine Schnelllade-Säulen, jede herkömmliche Steckdose reiche aus.

Seine elf Kilowattstunden im Akku sollten für rund 120 Kilometer reichen. Der Motor leistet 20 PS und erreicht dem Hersteller zufolge eine Höchstgeschwindigkeit von 90 Kmh.

Platz für ist für zwei Personen und zwei Wasserkisten. Angeblich sollen schon fast 5000 Vorbestellungen für den Microlino vorliegen.

Den Lackwerkern hat der Original-Isetta-Besitzer versprochen, den neuen Microlino auf jeden Fall sofort vorzuführen.