Dienstwagen

SONY DSC

Der Herbst 1989 hat, zumindest bei den älteren Lackwerkern, viele Emotionen ausgelöst. In diese Zeit viel das Ende der DDR. Wenn die Lackwerker, die das persönlich miterlebt haben, davon erzählen wie Schwärme von Trabis bei uns eingelaufen sind, hören auch die Jüngeren aufmerksam zu.

Eben in diese Zeit fühlten sich die Lackwerker versetzt, als früh am Morgen ein dunkler Volvo vorfuhr. Schon allein die schiere Größe des alten Volvo 264 TE strahlte die souveräne Autorität einer Staatskarosse aus. Auf den vorderen Kotflügeln waren noch die Vorrichtungen für die Staatsstandarten montiert.

Ein Blick in den Innenraum des kantigen, verlängerten Schweden-Klassikers zeigte, dass die Regierenden der ehemaligen DDR in ihren Dienst- und Regierungsfahrzeugen auf keinerlei westlichen Komfort verzichten mussten. Von Klimaanlage, elektrischen Fensterhebern und edlem Velours war alles vorhanden, was die Fahrt für die ‚hohen Herren‘ so angenehm wie möglich machte.

Natürlich war der dunkelblaue Lack in den Jahren ergraut und die Aufgabe der Lackwerker bestand darin, die alte Pracht wieder herzustellen.

Der heutige Besitzer hatte mit der ehemaligen DDR-Führung nichts zu tun, er hat das Fahrzeug in Polen gefunden und dem Besitzer dort abgekauft. Wie das Fahrzeug allerdings in Polen gelandet ist war nicht mehr festzustellen. In den Fahrzeug-Papieren war der Staatsrat der DDR bis 1990 als Besitzer eingetragen.

Die Volvo TE-Version wurde in Schweden ursprünglich für den König gebaut. Neben dem damals höchstmöglichen Komfort wurde die Karosserie um rund 70 cm verlängert.

Der Staatsführung der DDR war es natürlich nicht möglich, ein Fahrzeug vom sogenannten Klassenfeind zu ordern. Also suchte man auf der ganzen Welt nach einem möglichen Ersatz für Mercedes und Co.

Bei Volvo wurde man fündig und vor allem handelseinig. Die ersten von über 100 Volvo-Staatskarossen wurden 1976 geliefert. Man hatte in Ostberlin endlich ein echtes Repräsentationsfahrzeug.

Der Volvo bei den Lackwerkern hatte hinten gegenüber der Rücksitzbank eine zusätzliche dritte Sitzreihe mit Klappsitzen. Gedacht war das für Sicherheitsleute, Dolmetscher oder auch dazu, einmal die Füße hochlegen zu können.

Die Mitglieder des Politbüros des Zentralkomitees der SED haben von diesen Annehmlichkeiten gerne Gebrauch gemacht. Dass man bei den täglichen Pendlerfahrten von der Waldsiedlung Wandlitz in den Palast der Republik nach Ostberlin gerne geraucht hat, ist heute nach über 40 Jahren immer noch zu riechen.

Einzig der DDR-Staatsratsvorsitzende Erich Honecker war mit der Federung der Volvos auf den Fahrten über die Schlaglochstrecken der alten DDR nicht zufrieden. Man suchte nach einer komfortableren Lösung für den ersten Mann im Staat. Fündig wurde man bei Citroën in Frankreich. Fortan kutschierte man Honecker mit einem goldfarbenen CX 25 Prestige durch die Gegend. Die hydropneumatische Federung des CX vermittelte Honecker das Gefühl, förmlich über die Schlaglöcher der DDR zu schweben.

Der Volvo bei den Lackwerken hat die Wirren der Geschichte jedenfalls recht gut erhalten überlebt. Mit frischem Lack im originalen Dunkelblau ist er heute gern gesehener Gast bei jedem Oldtimer-Treffen. Im Unterschied zur Vergangenheit stehen heute die Leute freiwillig am Straßenrand und winken, sie sind garantiert nicht wie zu Honeckers Zeiten eigens dafür einbestellt.

Foto: Neuwieser / flickr