300 SL

Wenn einer glaubt, die Lackwerker in der Schweinfurter Porschestraße hätten schon alles gesehen, was in der automobilen Welt herumfährt oder -steht, der musste sich eines Besseren belehren lassen.

Angekündigt war eine automobile Rarität mit dem Vermerk ’sehr wertvoll und teuer‘. Was dann bei den Lackwerkern ankam, war ein ausgewachsener 40 Fuß Container. Das sind Schiffscontainer, die das Format einer großen Garage haben. Breit ist diese ‚Stahlschachtel‘ 8 Fuß, das sind exakt 2,4384 m und die 40 Fuß ergeben eine Länge von etwas mehr als 12 Meter, exakt 12,192 m.

Den Container hat ein Schiff aus Amerika nach Hamburg gebracht. Auf dem größten Seehafen Deutschlands hat man den Container auf einen LKW mit Containerchassis verladen. Diese LKW können einen 40 Fuß Container problemlos transportieren.

Der Inhalt war für die Lackwerker wie eine große Wundertüte. Nach dem Öffnen war ein Sammelsurium voller einzelner Fahrzeugteile zu sehen. Ein chaotisches Durcheinander, alles unterschiedlich, aber sehr sorgfältig gepackt.

Den größten Anteil am Platz beanspruchte eine Autokarosserie. Eine nähere Untersuchung brachte die sehr vergammelte, aller Teile entledigte Karosse einer Autolegende zu Tage.

Was sich da bei den Lackwerkern präsentierte, war ein ‚Gullwing‘ nach einem Striptease. Wegen seiner Türen, die sich wie Flügel nach oben öffnen lassen, hat man den Mercedes 300 SL ‚Gullwing‘ genannt.

Schon im ersten Jahr seiner Bauzeit, 1954, war der 300 SL der Luxus-Sportwagen für die Reichen und Schönen. Namen wie Tony Curtis, Sophia Loren, Romy Schneider, Clark Gable und Herbert von Karajan waren mit dem ‚Gullwing‘ verbunden. Noch die letzten Exemplare aus dem Jahrgang 1963 fanden reißenden Absatz und waren sehr begehrt.

Damals kostete ein 300 SL rund 30.000 DM. Heute bringen es bestens gepflegte und restaurierte Exemplare auf mindestens 1,5 Millionen Euro.

Der Autoenthusiast aus Norddeutschland hat die ‚Blechteilesammlung‘ mit Kennerblick in einer Garage im Willamette Valley, direkt an der Interstate 5 in Amerika entdeckt und sofort zugeschlagen.

Der Flügeltürer stand über 30 Jahre in der Halle eines kleinen Händlers und ist so in Vergessenheit geraten. Durch einen Zufall sind Händler und Käufer zusammengekommen und sich letztendlich handelseinig geworden.

Der eigentliche Grund, warum der SL bei dem Händler gelandet ist, war der Wunsch des damaligen Besitzers, das Fahrzeug von dem ursprünglichen Silber in einen Renn-Auto-Style umlackieren zu lassen.

Der Besitzer ist in Folge bei einem Autorennen in einem anderen Fahrzeug tödlich verunglückt. Für ihn war das tragisch, für den Benz aber ein Glücksfall. Nachdem sich keine Angehörigen auszumachen waren, ist das Fahrzeug in der Werkstatt einfach in Vergessenheit geraten.

Jetzt, bei den Lackwerkern in Schweinfurt angekommen, soll dem 300 SL neues Leben eingehaucht werden. Bei der Farbe war man sich schnell einig, der ‚Gullwing‘ sollte seine ursprüngliche Farbe, ein Silber, wieder erhalten.

Sehr sorgfältig und mit Gefühl wurde die Karosse und alle Blechteile bis aufs Blech abgeschliffen und der Lack von der Grundierung an vollkommen neu aufgebaut. Die originalen, grauen Ledersitze bleiben eingepackt und sind nach der Lackierung mit dem Container zurück nach Norddeutschland gegangen.

Den Innenausbau und die gesamte Renovierung, einschließlich Motor und Technik, werden von einem Spezialisten in Nordrhein-Westfalen durchgeführt. Dort werden die Teile auch wieder zusammengebaut.

Eigentlich schade, die Lackwerker hätten das fertige Fahrzeug gerne einmal ‚am Stück‘ gesehen. Das musste leider auf einen späteren Termin verschoben werden. Der Besitzer hat das ganze Lackwerker-Team zum Besuch seiner Autosammlung nach Düsseldorf eingeladen. Die Rheinmetropole gehört zu den fünf wichtigsten, internationalen Wirtschaftszentren und ist ohnehin einen Ausflug wert. Die Lackwerker haben die Einladung dankend angenommen und freuen sich heute schon auf diesen Termin.